Streuobstwiesen

Entstehung und Rückgang der Streuobstwiesen

Obstblüte auf der Streuobstwiese. © VIELFALT e.V.

Streuobstwiesen mit ihren knorrigen Bäumen und bunten Wiesen lassen leicht den Eindruck einer  besonders alten Form der bäuerlichen Bewirtschaftung entstehen. Dabei geht die Entstehung der Streuobstwiese in der Neckar-Region erst auf das 15. und 16. Jahrhundert zurück, als die Landesherren Obst als bedeutendes Nahrungsmittel für die Bevölkerung erkannten. Zu dieser Zeit wurde die Pflanzung von hochstämmigen Obstbäumen gefördert, Bürger wurden gar zur Pflege verpflichtet. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden dann staatliche Obstbaumschulen und die Pomologie als Lehre der Obstsorten und des Obstbaus begründet. Zeitgleich sorgte eine klimatische Veränderung und das Aufkommen der Reblaus für eine Aufgabe des Weinbaus in der Region – zugunsten des Obstbaus.
In der Nachkriegszeit ging das Interesse an der Selbstversorgung weitgehend zurück und die Konkurrenz des aus dem Ausland importierten Obstes verstärkte den Rückgang der Streuobstkultur. In den 50er Jahren wurde die Rodung alter Obstbestände zugunsten der Pflanzung dichter, niedrigwüchsiger Anlagen gefördert. Dies betraf besonders die klimatisch bevorzugten Regionen, wo eine intensive landwirtschaftliche Nutzung möglich war. Zusammen mit dem Siedlungs- und Straßenbau sorgten diese Umstände dafür, dass die Streuobstbestände in den letzten 50 Jahren um über die Hälfte zurück gegangen sind.

Heute sind Streuobstwiesen schwerpunktmäßig auf den Neckar- und Taubergäuplatten, entlang des Albtraufs und im Albvorland sowie am Oberrhein und in den Schwarzwaldvorbergen verbreitet. Der Name "Streuobst" leitet sich dabei von der Anordnung der verstreut stehenden Obstbäume ab.

Heutige Gefährdung und Bedeutung

Schwalbenschwanz. © Thomas Bamann

Streuobstwiesen sind heute insbesondere durch das geringe Interesse an deren arbeitsintensiven Bewirtschaftung gefährdet. Ausbleibender Baumschnitt führt zu einer zu dichten, überbauten Krone und einer schnellen Überalterung bis hin zum vorzeitigen Zusammenbruch der Bäume. Bleibt eine regelmäßige Mahd oder Beweidung des Unterwuchses aus, setzt die natürliche Sukzession ein, die Streuobstwiese verbuscht und wird langfristig zu Wald. Gegenüber der früheren wirtschaftlichen Bedeutung für die Nahrungsproduktion stehen heute besonders landschaftsästhetische, psychische und ökologische Gesichtspunkte im Vordergrund. Streuobstbäume und -bestände prägen und beleben das Landschaftsbild und beeinflussen die Erholungswirkung der Landschaft positiv. Sie gleichen das Lokalklima durch Schattenwurf aus, bieten Windschutz und gelten insbesondere in Ortsrandlage als Frischluftproduzenten. Außerdem wirken die Bäume besonders an Hanglagen der Erosion entgegen, regulieren den Nährstoffkreislauf und reduzieren deren Eintrag ins Grundwasser. Als Genreservoir bieten sie vielfältige Eigenschaften, die auch im heutigen Obstbau eine immer wichtigere Rolle spielen, wie beispielsweise Resistenzen. Besondere Beachtung verdienen Streuobstwiesen jedoch als bedeutsamer Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten. Als vielfältige Kulturlandschaft stellen die Streuobstwiesen vor allem Refugial- und Ersatzlebensräume für viele Arten dar, deren ursprünglichen Habitate zerstört oder verändert wurden. Für diese wichtige Funktion müssen Streuobstwiesen jedoch auf größeren Flächen und im Verbund mit gleichen oder ähnlichen Strukturen erhalten werden.

Streuobstwiesen als vielfältiger Lebensraum

Streifenwanze.  © Laura Korbacher

Die charakteristische "savannenartige" Struktur aus ausladenden, vereinzelt stehenden Bäumen und artenreichem Unterwuchs bietet ein vielfältiges und mehrschichtiges Mosaik aus Kleinbiotopen. Außerdem werden Tier- und Pflanzenarten durch die meist extensive Nutzung mit seltenerer Mahd, Befahrung und weitgehendem Verzicht auf Pflanzenschutzmittel stärker gefördert als bei anderen intensiveren Bewirtschaftungsformen. Das Belassen von alten Bäumen mit einem hohen Anteil an Alt- und Totholz, Astlöchern und Faulstellen sowie die raue, von Flechten und Moos überzogene Borke der Obstbäume bieten vielen Tierarten, insbesondere Insekten- und Vogelarten, Nahrung, Schutz und Nistmöglichkeiten. Der Unterwuchs bildet verschiedene Ausprägung der in Deutschland häufigsten Wiesengesellschaft – der Glatthaferwiese – aus und weist viele Arten der Wiesen und Weiden mäßig trockener bis mäßig feuchter Standorte mit mittlerer bis guter Nährstoffversorgung auf. Wenn nicht zu stark gedüngt wird, beinhaltet diese Gesellschaft viele blühende Kräuterarten.
Typische Pflanzenarten der Streuobstwiesen sind beispielsweise Veilchen, Schlüsselblume, Witwenblume, Margerite, Wiesensalbei, Wilde Möhre, Flockenblume, Wiesenknopf, Glockenblume oder  verschiedene Klee- und Wickenarten.
Typische Tierarten, die auf Streuobstwiesen beobachtet werden können, sind beispielsweise verschiedene Höhlenbrüter wie Specht, Wendehals, Steinkauz oder Halsbandschnäpper und andere Vogelarten wie Gartenrotschwanz oder Wiedehopf. Außerdem kommen dort Garten- und Siebenschläfer, Haselmaus, Fledermäuse und zahlreiche Insekten wie Wildbienen- oder Schmetterlingsarten vor.

Mit schätzungsweise 3.000-5.000 Tier- und Pflanzenarten gehören Streuobstwiesen damit zu den artenreichsten und wertvollsten Lebensräumen der heimischen Kulturlandschaft.

Diese Vielfalt macht die Streuobstwiesen im Landkreis Tübingen auch zu einem wichtigem Rückgrat des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura2000. Seien es die kräuterreichen Blumenwiesen oder die typischen Vogel- und Fledermausarten – mit dieser bei uns noch typischen Kulturlandschaft tragen wir Verantwortung für eine europäische Schatzkammer der Artenvielfalt.

Grünes Heupferd. © Thomas Bamann

Referenzen:

- Heft "Streuobstwiesen" - Stiftung Landesbank BW, "Naturschutz im Kleinen", Heft 11, 2015
- Heft "Vogelschutz in Streuobstwiesen - Naturschutz, der schmeckt!" - Staatliche Naturschutzverwaltung BW
- Heft "Europas schönste Streuobstlandschaft" -  Schwäbisches Streuobstparadies
- Poster "Viele schöne Früchtchen" - Staatliche Naturschutzverwaltung BW, Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz

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